Direkt zum Hauptbereich

Charles Darwin und die Reise auf der HMS Beagle von Fabien Grolleau und Jérémie Royer - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing





Charles Darwin und die Reise auf der HMS Beagle 

von Fabien Grolleau und Jérémie Royer

Die Comic-Biografie


Wo sich der Europäer auch hinwendet, scheint der Tod die Eingeborenen zu verfolgen.

London, 1831: Der junge Naturforscher Charles Darwin darf sich auf die Reise seines Lebens begeben, an Bord des Expeditionsschiffes HMS Beagle. Eine Mischung aus Forschung und Abenteuer wartet auf ihn. Eine Reise auf verschiedene Kontinente, bei der er Tropen, Gebirge, Wüsten und eisige Regionen kennenlernt, bringen ihn zum Umdenken. Die Vielfalt der Pflanzen- und Tierwelt bringt ihn zum Staunen und Forschen. Zu Beginn der Reise ist Darwin überzeugt von der Schöpfungsgeschichte. Die Tropen bringen ihn auf die Idee »des Kampfs ums Überleben«. Jeder Organismus kämpft auf seine Weise u überleben, sich fortzupflanzen, und es gewinnt nicht immer der Stärkere. Darwin entdeckt »Geheimwaffen«: Tarnung und Täuschung in Fauna und Flora. In Chile findet er die versteinerten Knochen eines riesigen, offensichtlich ausgestorbenen Tieres (ein vor 10.000 Jahren ausgestorbenes, bis zu sechs Meter großen Riesenfaultier). Diese Knochen ähneln der Arten, die es immer noch gibt – langsam wächst in ihm eine Idee. In den Anden findet Darwin Muschel-Versteinerungen – wie mögen diese hier oben in die Berge kommen? War die Erde einmal unter Wasser? Und er erlebt ein Erdbeben – ist sich nun sicher, die Erde ist viel älter, als in der Bibel beschrieben, die Geschichte von Adam und Eva gerät ins Schwanken. Fünf Jahre Forschungsreise: Naturbeobachtungen, Zeichnungen, Artefakte, Aufzeichnungen, Vergleiche, Darwin ist überzeugt, die Natur besäße eine eigene Logik. Er fand Meeresfossilien auf Berggipfeln, bemerkte Verwandtschaften zwischen Schildkröten, die weit vom Wasser getrennt leben, artverwandt sind – und zieht Schlüsse zur Verwandtschaften anderer Tiere – er sammelte die inzwischen so berühmten Darwin-Finken. Gleiche Vögel – andere Schnäbel: Der Vogel musste sich an seine Ernährungsmöglichkeiten anpassen, um nicht zu verhungern – Anpassung der Arten. Aus seinen Überlegungen entwickelte Darwin die Evolutionstheorie.




Diese Graphik Novel entstand zum 160-Jahr-Jubiläum der »Entstehung der Arten«. Darwin reiste später noch einige Male. Aber auf dieser langen Reise entwickelte er seine für die Wissenschaft bahnbrechende Theorie der Entstehung der Arten. Nicht nur das, der junge Mann ist auch entsetzt, wie Weiße mit anderen Menschen in den Kolonien umspringen, besonders das Verhältnis seiner Kollegen an Bord zu Sklavenhaltern bringt Darwin in Schwierigkeiten, mit diesen umzugehen. Flora, Fauna, andere Kulturen. Mit auf der Beagle sind drei patagonischen Ureinwohner, die nun, zu gesitteten Menschen umerzogen, zurück in ihre Heimat geführt werden, ein eigener interessanter Erzählstrang. Darwin hatte ein Reisetagebuch geführt, an dem sich die Novel anlehnt. Die Kapitel beschreiben die einzelne Reiseetappen, die je am Anfang kurz anhand einer Karte beschrieben sind: Südamerika, Tahiti Australien, Afrika, zurück in England.




Zeichnerisch ist der Comic schön anzuschauen – Darwins Begeisterung über die Pflanzenwelt und die Tiere ist spürbar in den Mimiken, fassbar in den Farben. Die Zeichnungen sind detailreich und facettenreich. Ich finde, der Band ist gelungen, um Jugendliche an Wissenschaft und an die Biografie eines großartigen Mannes heranzuführen. Soziale Themen stehen neben den wissenschaftlichen, ein Blick in das Gesellschaftsleben der grausigen Zeit der Kolonialmächte. Es geht nicht unbedingt um die Evolutionstheorie, sondern um die Faszination des Entdeckens, denn die Theorie entwickelte Darwin aus dieser Reise. Hoch rechne ich den Autoren an, dass sie auch am Ende Wallace erwähnen, der gern bei diesem Thema vergessen wird. Die Altersangabe ab 13 Jahren ist korrekt, da man eine gewisse Reife haben muss, um die sozialen Themen zu erfassen.





Fabien Grolleau wurde 1972 in Cholet in Frankreich geboren und war Architekt, bevor er sich ganz seiner Passion, den Comics, widmete. Er ist Szenarist und Zeichner zahlreicher Werke und setzte mit Jérémie Royer bereits das Leben des Naturforschers Audubon in einer preisgekrönten Comic-Biografie um.
Jérémie Royer wurde 1979 geboren und wuchs in Nizza auf. Dort studierte er zunächst Grafikdesign. Danach wechselte er an das Institut Saint-Luc in Brüssel, dessen Studiengang „Comic“ internationales Ansehen genießt.


Fabien Grolleau, Jérémie Royer 
Charles Darwin und die Reise auf der HMS Beagle
Original: HMS Beagle – Aux origines de Darwin
Die Comic-Biografie, Graphik Novel
Übersetzt aus dem Französischen von: Anja Kootz
Knesebeck Verlag, 2019, 18.8 x 26.5 cm, gebunden, 176 Seiten
Ab 13 Jahre



Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Rezension - Fabelhaft getarnt von Frédéric Clément

Tarnung im Tierreich In diesem Sachbilderbuch für große und kleine Naturforscher stellt Frédéric Clément mit wunderschönen Illustrationen Lebewesen vor, die wahre Meister in der Kunst der Tarnung sind. Der eine tarnt sich, um nicht gefressen zu werden, der andere, um sein Opfer zu täuschen. Besonders Schön ist die literarische Art, die Fachinhalte zu präsentieren.

Weiter zur Rezension:   Fabelhaft getarnt von Frédéric Clément

Rezension - Wenn Engel brennen von Tawni O’Dell

Ein Country-Noir-Krimi der Extraklasse mit intensiver Charaktertiefe! Tawni O’Dell stammt aus dem westlichen Pennsylvania, einer ehemals blühenden Industrieregion, einer Bergbau- und Stahlregion. Heute wird dort keine Kohle mehr abgebaut, Industrieruinen pflastern die Landschaft, ein ausgebeutetes Land, Menschen ohne Zukunft, es gibt keine Investitionen in neue Arbeitsplätze, Armut macht sich breit – man nennt diese Region «Rust Belt». Alte Kohleflöze brennen sich immer noch weiter unterirdisch ihren Weg, vernichten Landstriche, können nicht gelöscht werden. Menschen müssen deshalb umgesiedelt werden, giftige Gase steigen aus dem Boden hervor. Zurück bleiben Geisterstädte. Genau in so einer Geisterstadt, Campbell’s Run, wird zufällig eine Tote entdeckt. Die vermisste siebzehnjährige Camio Truly wurde in eine Erdspalte gesteckt, in der ein Feuer schwelt. White Trash pur – Chief Dove Carnahan, Polizeichefin von Buchanan ermittelt …

Weiter zur Rezension:   Wenn Engel brennen von Tawni O…

Rezension - Franz – oder warum Antilopen nebeneinander laufen von Christoph Simon

Ein Schweizer Kultbuch von 2001, neuaufgelegt, ein Comming of age – Roman, schräg, amüsant, empathisch, spleenig. Franz ist einer, der weiß, dass er irgendwie die Schule überstehen muss, mit Abschluss, aber wozu das alles gut sein soll, hat er noch lange nicht kapiert. Schule ist irgendwie ein Stück Heimat, wenn nur der Unterricht nicht wäre. Ein typisches Jugendbuch, allerdings in einer Form, das auch Erwachsenen gefällt.

Hier geht es zur Rezension:   Franz – oder warum Antilopen nebeneinander laufen von Christoph Simon

Rezension - Die Wahrheit über Dinge, die einfach passieren von Ali Benjamins

Eins der besten Jugendbücher, die ich seit Jahren gelesen habe. Was heißt hier Jugendbuch? Ich würde es unter All-Age listen. Susy ist zwölf und ein Außenseiter in der Schule, denn sie interessiert sich weder für klavierspielende Katzen, noch Mode. Suzy ist an der Natur interessiert, will wissen, warum Dinge funktionieren. Sie hat eine einzige Freundin, Fanny. Und Fanny ertrinkt beim Schwimmen. Das kann nicht einfach so passieren! Irgendjemand muss Schuld sein, denkt Suzy. Ein philosophisches Buch über Freundschaft, Natur, unsere Welt, sehr empathisch, spannend, einer Suzy, die man gern haben muss, die den Leser aber auch an der Nase herumführen kann …
Hier geht es zur Rezension:   Die Wahrheit über Dinge, die einfach passieren von Ali Benjamins

Rezension - Ada und die Zahlenknackmaschine von Rachel Katstaller und Zoë Tucker

Dieses Bilderbuch erzählt die Geschichte von Augusta Ada Byron King, Countess of Lovelace, besser bekannt als Ada Lovelace, die Mitte des 19. Jahrhunderts zusammen mit ihrem Freund Charles Babbage ein komplexes Rechenprogramm entwickelte. Sie nannte es »Analytical Engine«. Es war der erste Computer auf der Welt und die Erfindung leitete das Computerzeitalter ein. Sie war die Tochter des berühmtesten englischen Literaten Lord Byron. Die Programmiersprache Ada wurde ihr zu Ehren so benannt. Doch kaum ein Mensch kennt Ada Lovelace. Das soll sich mit diesem Buch ändern.

Weiter zur Rezension:  Ada und die Zahlenknackmaschine von Rachel Katstaller und Zoë Tucker

Rezension - ARIOL – Wo ist Petula? von Emmanuel Guibert und Marc Boutavant

Ariol, der kleine blaue Esel mit der großen runden Brille ist wieder da. Ein Comic für Grundschüler – für verliebte Grundschüler. Aber das ist nur die eine Seite. Sich die Höhle des Löwen, ehm, hier des Stieres, trauen. Und dann sitzt man da, in der fremden Familie, will doch nur mit der Angebeteten allein sein …

Weiter zur Rezension:   ARIOL – Wo ist Petula? von Emmanuel Guibert und Marc Boutavant

Rezension - Ein Stück Käse von Judith Auer

Eine uralte Fabel, die fast jeder kennt, die vom Fuchs und dem Raben. Sie wird dem griechischen Dichter Äsop zugeschrieben. Judith Auer hat sie in ganz kurzen Sätzen für Kinder aufgelegt. Wo Zeichnung eine Geschichte erzählt, braucht es nicht viele Worte. Winteratmosphäre, passend zur Jahreszeit, einfache Strukturen und klare Zeichnungen eignet das Buch für Kinder ab 2 Jahren.

Weiter zur Rezension:    Ein Stück Käse von Judith Auer

Rezension - Der Sonnenschirm des Terroristen von Iori Fujiwara

Ein packender Krimi aus Japan. Der Barbesitzer Shimamura, selbst sein bester Kunde, muss untertauchen. Seine Fingerabdrücke befinden sich auf einer Whiskyflasche, die in Zusammenhang mit einem terroristischen Anschlag stehen. Die Polizei sucht nach ihm. Plötzlich sind auch Yakuzas hinter ihm her. Um das ganze zu versehen und um die Leute zu finden, die hinter dem Anschlag stecken, muss er selbst recherchieren. Spannende Unterhaltungslektüre.

Weiter zur Rezension:   Der Sonnenschirm des Terroristen von Iori Fujiwara

Rezension - Fiona – Wo die Toten leben von Harry Bingham

Dies ist bereits der fünfte Band der Serie um Fiona, einer britischen Ermittlerin. Leicht soziopathisch, aber dabei integer, meist den Regeln angepasst, eine Frau die nicht aufgibt, wenn sie erst mal Lunte gerochen hat; sie leidet unter dem Cotard-Syndrom. Clever, mit gutem Instinkt und Disziplin ausgerüstet, ermittelt sie auch in Richtungen, die für andere längst kalt sind, abstrus, völlig unnötig. Der erste Band »Fiona – Als ich tot war» hatte mich bereits begeistert. Warum ich die Serie nicht weiter verfolgt habe, ist mir selbst ein Rätsel, denn diese literarische Krimiserie hat mein Herz erobert und Harry Bingham gehört nun zu meinen Lieblingsautoren Abteilung Crime. Er schafft es, wundervolle Bilder zu schaffen: Orte, Personen, Situationen – der Leser gleitet völlig hinein in die Geschichte – zumindest ging es mir so. Man wird zum Teil von Fiona, die aus ihrer Ichperspektive berichtet. Diesmal hat es Sergeant Fiona Griffiths von der walisischen Kriminialpolizei CID aus Cardiff m…

Rezension - Lola von Melissa Scrivner Love

Der Thriller hat den Edgar Award erhalten – für mich amerikanische Literatur mit Mittelmaß. Es ist eine gute Milieustudie, das ist sehr gut herausgearbeitet: dreckige, arme Viertel, Gewalt, Drogen, Armut, eine Welt ohne Zukunft. Das Leben in einem Latinoviertel in Süden LA’s ist gut beschrieben, hat mir sehr gefallen. Hier hat das Buch seine absoluten atmosphärischen Stärken. Den Figuren allerdings bin ich nicht nahegekommen, nicht wirklich der ganzen Geschichte. Lola, die eine Gang anführt, allerdings im Hintergrund, weil sie eine Frau ist – offiziell ist ihr Lebenspartner Garcia der Chef, gerät in einen Bandenkrieg …

Weiter zur Rezension:   Lola von Melissa Scrivner Love