Direkt zum Hauptbereich

Black Hand von Stephan Talty - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing






Black Hand 

von Stephan Talty

Jagd auf die erste Mafia New Yorks


Die Tiere selbst hielten im Schnitt nur zwei Jahre durch, bevor sie vor Erschöpfung tot umfielen. Die Kadaver wogen um die fünfhundert Kilo, zu schwer, als dass die White Winger sie hätten bewegen können, sodass sie warten mussten, bis die Tiere verwest waren, bevor sie sie stückweise auf die Karren hieven konnten.

Nimmt man es korrekt, so ist dieses Buch ein Sachbuch. Aber auch Sachbücher lesen sich wie Thriller. Denn die Lebensgeschichte von Joseph Petrosino ist mehr als spannend. Neben öffentlich zugänglichem Material konnte Stephan Talty auf eine umfangreiche Sammlung von Familiendokumenten und gesammelten Zeitungsausschnitten zurückgreifen, so wie auf alte Protokolle des Secret Service. Joseph Petrosino war als Kind aus Süditalien mit seinem Vater in die USA eingewandert. In New York, Manhattan lebten damals fast ausschließlich italienische Einwanderer. »Bis 1875 waren nur 25.000 Italiener gekommen, die sich verhältnismäßig leicht in Städte wie New York oder Chicago integriert hatten.« Es handelte sich meist um Fachkräfte und Akademiker. In den 1880ern erreichte dann die Masseneinwanderungswelle der Süditaliener Amerika. Allein 500.000 wohnten nun in Manhattan. Iren und Deutsche hatten das Sagen in New York. Die Italiener, eher ungebildet, arbeiteten als Tagelöhner, Schwerstarbeiter, und hatten von ihrer Mentalität her nicht das Interesse Englisch zu lernen, sich politisch zu engagieren, sich anzupassen, sich überhaupt einen Platz in der Gesellschaft zu schaffen. Zu dieser Zeit hatte der kleine Joseph Petrosino sich vom Schuhputzer über die Müllabfuhr als White Winger, die damals zur Polizei gehörte, in den einfachen Polizeidienst des NYPD hochgearbeitet, als einer der wenigen Italiener zwischen Iren. Zu dieser Zeit gab es mitten in New York einen großen Schlachthof, eine Menge Stallungen, einen Viehmarkt. Um die 150.000 Pferde bewegten Mensch und Karren, sie produzierten täglich zweitausend Tonnen Pferdeäpfel.

Wenn Italo-Amerikaner vor Mord und Erpressung geschützt werden wollten, das ließ die Behörde Petrosino damit wissen, dann musste sie eben dafür zahlen.
Mit Petrosinos Eintritt in die Polizei fiel die »Black Hand« in Manhattan ein. Es war eine Gangsterbande von Italienern, die ihre Mitmenschen bedrohten. Sie drohten mit Bombenanschlägen, entführten reihenweise Kinder, erpressten Schutzgeld und Lösegeld. Da die Italiener sich ausschließlich an Italiener hielten, war es dem NYPD ziemlich egal, wie viele Bomben hochgingen, Menschen staben, es waren eben nur die Spaghetti. Sollen sie doch einen eigenen Security-Dienst anheuern. Petrosino wollte seinen Landleuten zur Seite stehen und kämpfte hart für eine eigene Truppe italienischsprachiger Detectivs, und nach anfänglichen Schwierigkeiten erhielt er eine 5-Mann starke Truppe, die »Italian Squad«. Das war ein Tropfen auf den heißen Stein gegen die »Black Hand«, die immer dreister wurden. Stück für Stück wurde die Gruppe aufgestockt, erzielte im Laufe der Jahre immer mehr Erfolge. Petrosino agierte gern verkleidet, sozusagen als erster Undercover-Detectiv. Er selbst fiel später seinen Gegnern zum Opfer.

Redner, Zeitungen und Zeitschriften lassen keine Gelegenheit aus, über die fremde Gefahr zu sprechen, die von einem Zustrom von Einwanderern ausgeht, die sich nicht an die Grundlagen und Institutionen der Republik anpassen.

Stephan Talty hat akribisch genau bis zur Augenfarbe den Mann, der selten lächelte, porträtiert. Am Ende des Buchs finden sich einige Seiten Quellenangaben. Mit der Geschichte von Petrosino erfahren wir ein Menge über die Zeit der Jahrhundertwende um 1900, eine brutale Gesellschaft, die bestimmte Gesellschaftsschichten stigmatisierte und ausnutzte. Es war eine Zeit der Entbehrung, Kinderarbeit bis hin zur Sklavenarbeit. Kapitalismus fast pur beherrschte die Zeit. Gleichzeitig gibt das Buch tiefen Einblick in die italienische Seele. Die Einwanderer hatten ihre mafiösen Strukturen selbst mitgebracht. Gesetz und Ordnung, Verwaltung, war der Feind für die Italiener schlechthin. Als Petrosino als einer der ersten Italiener in den Polizeidienst eintrat, war die Gemeinde nicht etwa stolz, sondern beschimpfte ihn als Verräter und Abtrünnigen, ihm wurde gedroht, sodass er in das irische Viertel zog.

Der durchschnittliche Sizilianer sah Männer sehr viel differenzierte. Alfano war ein uomo di rispetto, eine Respektsperson, einer der sein Schicksal – ein Leben in miseria, voll Leid und Plackerei – ein Schnippchen geschlagen hatte, indem er zum Bandit geworden war. Und das auch mehr als das. … Süditaliener … wollen vor allem, dass man ihnen gehorcht, sie bewundert, respektiert, fürchtet und beneidet.

Es gibt sehr eindrucksvolle Zitate und Quellen in diesem Buch, die nicht nur ein gutes historisches Bild auf New York um 1900 gibt, sondern man findet auch interessante Quellen, die die damalige süditalienische Einstellung zum Staat und zu Ganoven wiedergibt, unter der ein Reich von Mafiosi überhaupt erst gedeihen konnte. Gruppen, die man später unter Mafia zusammenfasste, rückten erst um 1920-1930 ins Bild. Sie lösten die »Black Hand« ab.

Das Buch wird derzeit von Leonardo di Caprio von seiner Produktionsfirma verfilmt, di Caprio in der
Hauptrolle. Der Film soll 2020 in die Kinos kommen.



Noch ein Wort zur Mafia und Italien. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs sind in Italien 27 Journalisten ermordet worden. Das italienische Innenministeriums gibt an, dass derzeit in Italien 19 Journalisten rund um die Uhr von einer mehrköpfigen Polizeieskorte bewacht und begleitet werden (einschließlich deren Familie). 190 weitere Reporter erhalten andere Formen des Schutzes. Einige Journalisten zogen nach Rom um, weil man ihnen nur hier ausreichend Schutz gewähren kann. Wer in der Provinz wohnt, sollte aufpassen, worüber er in Medien berichtet. Journalisten ist hier mehr oder weniger der Mund verboten, über die Mafa zu schreiben. Die Organisation »Ossigeno per l’informazione« hat seit 2006 in Italien an 3778 Journalisten tätliche Übergriffe, Morddrohungen oder andere schwere verbale Attacken festgehalten. (Info aus einem Artikel »Neue Züricher«, 26.02.2019)

Wer sich über interessante Bücher über die Mafia interessiert, sollte sich folgende Rezensionen ansehen:

Schwarze Seelen von Gioacchino Criaco

Ein hervorragendes Buch, um die schwarze Seele Italiens zu verstehen, spannend geschrieben bis zur letzten Seite. Die Sprache ist nüchtern, sachlich, liest sich wie ein Tatsachenbericht, sicher mit Absicht so gewählt. Der Autor will nichts entschuldigen, sich nicht rechtfertigen. Es steckt viel Autobiografisches drin. Gioacchino Criaco ist Anwalt, sein Vater wurde von der Mafia erschossen, sein Bruder war einst der meistgesuchteste Mafioso in Italien.

Erklär mit Italien! von Roberto Saviano und Giovanni di Lorenzo

Italien von heute, wo steht es? Roberto Saviano und Giovanni di Lorenzo im Gespräch – di Lorenzo arbeitet als Journalist in Deutschland, Saviano ist einer der schwerstbewachten Journalisten in Italien, ein Mafiaspezialist

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Carola Christiansen - Interview

  von Sabine Ibing Zum 25-jährigen Jubiläum der Mörderische Schwestern habe ich mit der derzeitigen Präsidentin des Vereins , Carola Christiansen, ein Interview gemacht. Die Mörderischen Schwestern sind ein Netzwerk von Frauen, deren gemeinsames Ziel die Förderung der von Frauen geschriebenen, deutschsprachigen Kriminalliteratur ist.  Weiter zum Interview:    Interview mit Carola Christiansen 

Deutscher Kinder- und Jugendbuchpreis 2020 - Nominierungen

Am 16. Oktober 2020 wurde auf der Frankfurter Buchmesse überreicht der DEUTSCHE JUGENDLITERATURPREIS Und hier sind die Gewinner für 2020 Kategorie: Bilderbuch Dreieck Quadrat Kreis von Mac Barnett und Jon Klassen Mac Barnett (Text), Jon Klassen (Illustration), Thomas Bodmer (Übersetzung) Ab 5 Jahren (siehe unten) Kategorie: Kinderbuch   Freibad   Ein ganzer Sommer unter dem Himmel Will Gmehling (Text) Peter Hammer Ab 9 Jahren Kategorie: Sachbuch  A wie Antarktis von David Böhm Ansichten vom anderen Ende der Welt David Böhm (Text), David Böhm (Illustration), Lena Dorn (Übersetzung) Originalsprache: Tschechisch Karl Rauch Ab 8 Jahren (siehe unten) Kategorie: Jugendbuch  Wie der Wahnsinn mir die Welt erklärte Dita Zipfel (Text), Rán Flygenring (Illustration) Hanser Ab 12 Jahren Kategorie: Preis der Jugendjury Wer ist Edward Moon? von Sarah Crossan Sarah Crossan (Text), Cordula Setsman (Übersetzung) Mixtvision Originalsprache: Englisch Ab 14 Jahren (siehe unten) Kategorie: Sonderpreis

Rezension - Vermisst von Christiane Dieckerhoff

  Ein Spreewald-Krimi Der erste Satz hat mich gleich wieder aus dem Buch herauskatapultiert – die Frage war, ob ich weiterlesen soll. Der Himmel entlädt Sturzbäche, während Klaudia in der Nacht durch ländliches Gebiet fährt. Plötzlich rumpelt es und der Wagen bricht aus, landet im Gurkenacker. Sie steigt aus, findet eine tote Frau. Der erste Gedanke: Ich habe jemanden überfahren! Doch sie war bereits tot. Nun stellt sich heraus, die gerade erst Verstorbene ist angeblich bereits seit zwei Jahren tot; für den Mord wurde ihr damaliger Freund in einem Indizienprozess verurteilt. Leider ist von der von Auen- und Moorlandschaft des Spreewalds in Brandenburg nichts zu spüren. Das liest sich oberflächig gesehen spannend und logisch, eignet sich als Unterhaltung, wenn einem die Sprache egal ist. Weiter zur Rezension:  Vermisst von Christiane Dieckerhoff

Rezension - Hey, hey, hey, Taxi! von Saša Stanišić und Katja Spitzer

  Saša Stanišić hat sein erstes Kinderbuch geschrieben – zusammen mit seinem Sohn! Gemeinsam haben sie sich verrückte Taxi-Abenteuer ausgedacht. Wir sollten öfter mal Taxi fahren, denn hier kann man die wildesten Dinge erleben! Taxifahrer sind Persönlichkeiten, die so einiges zu bieten haben! Autos, die bruffen, brukken und butschen, strickende Drachen, Gurken und Tomaten als Straßenampeln, ein Hexenbesen auf vier Rädern. Ein Bilderbuch voll phantastischer Abenteuer, und witziger Illustrationen, Kurzgeschichten kreativ, voll Fantasie  – absolute Empfehlung ab 4 Jahren! Weiter zur Rezension:    Hey, hey, hey, Taxi! von Saša Stanišić und Katja Spitzer

Rezension - Die Pflanzen und ihre Rechte von Stefano Mancuso

  Eine Charta zur Erhaltung unserer Natur Pflanzen entfalten sich seit 2 Milliarden Jahren auf der Erde. Sie haben den Blauen Planeten in eine Grüne Insel umgewandelt. Pflanzen können ohne den Menschen existieren, aber der Mensch nicht ohne sie. Leider vernichtet der Mensch immer mehr Lebensraum der Pflanzen, richtet mit Monokultur Umweltschäden an oder bringt Kurioses (Schädliches) durch Umverpflanzung zustande. Höchste Zeit, den Pflanzen Rechte einzuräumen, denn sie garantieren unser Überleben, sagt Stefano Mancuso. Eine neue geochronologische Epoche ist angebrochen: Anthropozän. Das Sachbuch ist ein Plädoyer für das Leben. Wer Bücher von Manescu bereits gelesen hat, weiß, wie mitreißend er schreibt, wie gut verständlich, übergreifend und humorig. Das ist ihm mit diesem Buch wieder gelungen. Weiter zur Rezension:    Die Pflanzen und ihre Rechte von Stefano Mancuso

Rezension - Die geheimen Muster der Sprache – Ein Sprachprofiler verrät, was andere wirklich sagen von Patrick Rottler und Leo Martin

Institut für forensische Textanalyse – was muss man sich darunter vorstellen? Erpresserbriefe, anonyme Verleumdungsschreiben, geschäftsschädigende Bewertungen kommen öfter vor, als man denkt. Nehmen wir ein großes Unternehmen, dass einen anonymen Hinweis auf Führungskraft X erhält, er würde Mitarbeiterinnen betatschen oder etwas betrieblich kungeln. Sprachprofiler kommen immer dann zum Einsatz, wenn Personen oder Unternehmen anonym angegriffen, bedroht oder erpresst werden. Der Auftrag ist es, die Täter anhand ihrer Sprachmuster zu überführen. Durch Fallbeispiele wird hier linguistisches Profiling erklärt, dargestellt, was ein sprachlicher Fingerabdruck ist. Weiter zur Rezension:  Die geheimen Muster der Sprache – Ein Sprachprofiler verrät, was andere wirklich sagen von Patrick Rottler und Leo Martin 

Rezension - 299 Katzen und 1 Hund von Léa Maupetit

  Ein Katzenknäuel-Puzzle weiß, dass es sinnlos ist, Katzen hüten zu wollen, und dieses teuflische Puzzle ist nicht anders: Jedes Teil hat eine andere Form, und sie lassen sich nicht zusammenstecken wie bekannte Puzzleteile. Damit sie alle zusammenbleiben, bauen wir zunächst den Rahmen auf. Stück für setzt sich das Puzzle mit Katzenliebe zusammen, und mit Katzenglück gar nicht so schwer wie gedacht. Ich denke, ab 8 Jahren kann man beginnen. Ein Riesenspaß auch für Erwachsene, Katzenfans, das ist was für euch! Weiter zur Rezension: 299 Katzen und 1 Hund von Léa Maupetit

Rezension - Casalinga von Domenico Gentile

Die Küche der süditalienischen Hausfrauen Die einfache italienische Küche, die der armen Leute, ist das Thema, absolut authentisch. Das versprochene Traditionelle wird nicht durchgängig beherzt. Wer nach Fisch und Fleisch sucht, wird hier kaum fündig, was für die Armenküche in Ordnung ist. Und wer nach neuen Rezepten sucht, der findet rein gar nichts, leider – back to the roots ist durchgefallen – denn darum ging es ja. Erdkunde ist auch nicht die Sache des Autors, bei dem das Mezzogiorno bereits in der Toscana beginnt. Weiter zur Rezension:    Casalinga von Domenico Gentile

Rezension - Im Fallen lernt die Feder fliegen von Usama Al Shahmani

  Die Bibliothekarin Aida hat seit neun Jahren eine feste Beziehung mit Daniel, sie wohnen zusammen. Doch Daniel weiß nichts über sie – klar, sie stammt aus dem Irak. Kein Wort über ihre Vergangenheit kommt über die Lippen. So sehr Daniel auch stichelt und fordert. Aida will darüber nicht reden – eine Sache, die diese Beziehung belastet. Als Daniel auf einer Alm den Rest seines Zivildienstes ableisten muss, setzt sich Aida hin und schreibt ihre Geschichte auf. Heimat, Identität, was ist das? Der Ort, an dem man geboren wird? Oder der, den man adaptiert hat, oder die Herkunft oder auch beides? Kann man nicht zwei, drei, vier oder mehr Heimaten haben? Aida konfrontiert sich mit ihrem Schmerz und ihrer Trauer, dem Verlust – schreiben hat ihr schon einmal geholfen … Ein empathischer Roman über Migration, Exil, Sprache und Sprachlosigkeit. Weiter zur Rezension:    Fallen lernt die Feder fliegen von Usama Al Shahmani

Rezension - Die Schuld der Väter von James Lee Burke

  Ich persönlich halte James Lee Burke für einen der besten Autoren im Genre literarische Krimis. Seine Dave-Robicheaux-Serie spielt im Süden der USA, in Louisiana, im Gebiet New Iberia und New Orleans. Neben seinen tiefgehenden Figurenzeichnungen hat man beim Lesen das Gefühl, sich in den Bayous zu befinden. Die Geschichte beginnt mit der Ermordung von Amanda Boudreau. Der Verdächtige ist der Musiker Tee Bobby Hulin. Doch Dave Robicheaux zweifelt an dessen Schuld und ermittelt weiter. Ein Gespräch mit der Großmutter von Tee Bobby führt in die Vergangenheit und zu dem dem Plantagenaufseher Legion Guidry, der Inkarnation des Bösen, bei dem es selbst Dave eiskalt den Rücken hinunterläuft. Ein exzellenter atmosphärischer Noir-Krimi, ein feiner literarischer Krimi. Weiter zur Rezension:  Die Schuld der Väter von James Lee Burke