Direkt zum Hauptbereich

Am Ende bleiben die Zedern von Pierre Jarawan - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing



Am Ende bleiben die Zedern 

von Pierre Jarawan


Sprecher: Timo Weisschnur, Walter KreyeUngekürztes Hörbuch, Spieldauer: 9 Std. und 46 Min.


Wer glaubt, er habe den Libanon verstanden, dem hat man ihn nicht richtig erklärt, lautet ein libanesisches Sprichwort. Wie hätte ich damals wissen sollen, dass dieses Bild mich für immer verfolgen würde.

Das ist für mich ein »Ja, aber – Roman«. Auf der einen Seite fand ich ihn ganz gut, dann aber so gar nicht. Ich liebe die arabische Erzählweise: ein wenig ausschweifend, da in jeder Geschichte eine Menge kleiner Geschichten versteckt sind, poetisch erzählt, ohne in Kitsch zu gleiten, großes Leid, das sofort von schelmischem Humor gerettet wird – eben große Erzählkunst. Der in Frankfurt lebende Rafik Shamir ist für mich einer der Besten in diesem Fach. Und genau das gelingt Pierre Jarawan nicht: Es ist eine arabische Geschichte, die in europäischer Erzählform daherkommt, die Poesie hier leider in Kitsch gleitet, der der subtile Humor fehlt, Historisches manchmal als Lexikonwissen eingebettet ist. Aber andererseits ist die Familiengeschichte  nicht schlecht und man erfährt eine Menge über den Libanon. Das war es wert, diesen Roman zu verfolgen, auch wenn ich an manchen Stellen zusammenzuckte.

Beirut bei Nacht, diese funkelnde Schönheit, ein Diadem aus flirrenden Lichtern, ein Band aus Atemlosigkeit. Schon als Kind liebte ich die Vorstellung, einmal hier zu sein. Doch jetzt steckt mir dieses Messer zwischen den Rippen, und der Schmerz schießt in meinen Brustkorb, dass ich nicht mal schreien kann. … Ich rieche das Salz in der Luft und den Staub und die Hitze. Ich schmecke Blut auf meiner Lippe, ein metallisches Rinnsal auf trockener Haut. Ich fühle Angst in mir aufsteigen. Und Wut. Ich bin nicht fremd hier, will ich ihnen hinterherschreien.

Samirs Eltern waren aus dem Libanon nach Deutschland geflohen, zusammen mit Hakim und seiner Tochter Yasmin. Keine real bedrohten Kriegsflüchtlinge, ihre Kinder sollten es schlicht besser haben, nicht in einem Kriegsgebiet aufwachsen, den Bruderkrieg im Nacken. Die Familie erhält Asyl. Die beiden Kinder werden in Deutschland geboren, die Familie ist gut integriert. Samir liebt seinen Vater, der so wundervolle Geschichten aus dem Land der Zedern erzählt, dem Libanon. Als Samir acht ist, verschwindet der Vater spurlos, meldet sich nie wieder. Für den Jungen bricht eine Welt zusammen. Und als ein paar Jahre später die Mutter an Krebs verstirbt, nimmt der Nachbar Hakim die beiden Geschwister auf. Samir entfremdet sich immer mehr von seiner Schwester und seiner besten Freundin Yasmin. Beide Mädchen studieren, fühlen sich als Deutsche. Samir verspürt ein dauerndes Heimweh nach dem Libanon, ohne jemals da gewesen zu sein – es ist die Trauer um den Vater, den er vermisst, den er verstehen will, ein Stück Identitätsverlust. Samir arbeitet als Bibliothekar und verstrickt sich in der Spurensuche nach dem Libanon, nach seinem Vater, er liest alles, was er in die Finger bekommt, verliert dabei sogar seinen Job. Er mach sich auf in den Libanon, 20 Jahre, nachdem sein Vater verschwunden ist, ihn zu finden. Ein Mann auf der Suche nach seiner Familiengeschichte, nach seiner Identität, nach sich selbst.

Was uns dieser Icherzähler aus seiner Kindheit den ersten acht Jahren seiner Kindheit erzählt, ist bemerkenswert, etwas viel für das Gedächtnis eines kleinen (recht weisen) Jungen. Das wirkt ein wenig aufgesetzt. Andererseits beschreibt der Autor das Leben in einer fast abgeschlossenen Enklave in Berlin. Eine Straße, in der Libanesen leben, sehr libanesisch, arabisch sprechen, arabische Musik hören, Filme schauen, sich libanesisch kleiden, essen, Feste feiern usw. Man sitzt vor der Tür, erzählt Geschichten vom ach so wundervollen Land der Zedern, man schwelgt in Heimweh und theatralischer Erinnerung. Von Wind, Kälte und Schnee in Berlin keine Spur. Wenn man im Ausland lebt, rottet man sich zusammen, redet von der guten Heimat. – So machen das auch Deutsche im Ausland. – Das Problem dabei ist, dass die schlechten Erinnerungen sich selbstständig aus dem Gehirn löschen und das Gehirn kein Update macht – man lebt in der Vergangenheit, eben jener Zeit, in der man das Land verlassen hat. Es herrscht ein allgemeines Wohlgefühl, teils Heimweh, das auf die Kinder übertragen wird – die letztendlich mit diesem Land der Väter und Mütter nicht viel zu tun haben – sie aber mit dem täglichen »Muss« der Aufrechterhaltung der Traditionen gehindert werden, ganz in ihrem Geburtsstaat anzukommen. Die Kinder wachsen zerrissen auf. In dieser Geschichte konnten sich die Mädchen gut lösen. Die Protagonistinnen bleiben leider dem Leser sehr fern, auch wird das sehr starke libanesische patriarchische Verhalten nie dargestellt. Diese Männer hier sind alle ganz herzig und die Frauen stehen gleichberechtigt neben ihnen. Komisch, solche Libanesen habe ich bisher nicht kennengelernt. Hier wird eine warme nette, in sich geschlossene Gesellschaft gezeigt, in der sich alle liebhaben.. Die Geschichte plätscherte dahin. Alle Protagonisten agieren freundlich ... Wo bitte bleiben die Schurken in dieser Geschichte, die man zur Spannung benötigt, zur Identifikation. Na gut, wir haben hier keinen Helden, sondern einen Antihelden, der sich selbst der Antagonist ist. Aber was für ein netter, kauziger … Viele Szenen sind sprachlich zu überladen, die Protagonisten bleiben flach, sogar der Icherzähler bekommt für mich keine Persönlichkeit. Wo bleibt die arabische Sprache, die Härte, die fiesen Typen, die Tritte gegen Schienbeine, die Listigen und der subtile Humor? Hier gibt es am laufenden Band nur nette Helfer. Es wird glitschig im flüssigen Zuckerguss, vernebelt von Zuckerwatte in Handlung und Sprache, mir persönlich zu herzig, zu langweilig, zu unglaubwürdig. Und das Ende ist pilchergerecht gesetzt, Taschentuch nicht vergessen.

So weit hat mir der Roman nicht gefallen. Pierre Jarawan spricht sie doch an, die Klippen der Integration: Straßenzüge voller Libanesen, über sein Aussehen wird er außerhalb der Community sofort als Ausländer identifiziert – auch wenn man ja gar keiner ist, und in diesen Fall auch noch sexy exotisch, von den Mädchen umschwärmt. So richtig dazugehörig fühlt er sich nie. Warum lösen sich die weiblichen Protagonistinnen aus dieser Gesellschaft heraus? Studium, deutscher Freund – das ist billig. Es gäbe genügend Stoff, hier etwas tiefer zu bohren. Was mir wiederum gut gefallen hat, ist die Verknüpfung der Geschichte mit der Geschichte: die Zedernrevolution, der Mord an Hariri, der Einfluss von Israel und Syrien im Libanon. Man lernt eine Menge über die libanesische Geschichte, den Bruderzwist. Aber – auch hier wieder ein aber – das ist nicht fließend integriert, sondern klingt an viel Stellen so, als wenn der Icherzähler Samir in der Bibliothek sitzt und uns aus seinen Fundstücken vorliest. Insgesamt zwar ein etwas kitschiger Roman, dem Pfeffer fehlt, aber auf der anderen Seite recht lesenswert.


Pierre Jarawan wurde 1985 als Sohn eines libanesischen Vaters und einer deutschen Mutter in Amman, Jordanien, geboren, nachdem diese vor dem Bürgerkrieg geflohen waren. Im Alter von drei Jahren kam er mit seiner Familie nach Deutschland. Seit 2009 tritt er als Poetry Slammer auf,  2012 wurde er Internationaler deutschsprachiger Meister in dieser Kunstrichtung. Für diesen Roman erhielt er diverse Auszeichnungen, er wurde übersetzt in viele Sprachen, als internationaler Bestseller erfolgreich.

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Was ist eigentlich Kriminalliteratur? - Ein Abend mit Else Laudan in der Wyborada

Am 08.11.2019 war ich zu einer Mischung aus Lesung und Definition des Begriffs Kriminalliteratur in St. Gallen in der Wyborada zu Gast, im Literaturhaus & Bibliothek in St. Gallen in der Frauenbibliothek und Fonothek Wyborada. Else Laudan sprach zum Thema Kriminalliteratur, erzählte ihren Weg mit ihrem freien Verlag Ariadne, ein Verlag, der ausschließlich literarische Kriminalliteratur von Frauen veröffentlicht. Weiter zum Artikel:    Was ist eigentlich Kriminalliteratur? - Ein Abend mit Else Laudan in der Wyborada 

Rezension - Chronisch gesund statt chronisch krank von Dr. med. Bernhard Dickreiter

Von der Schulmedizin bis heute ignoriert: Die wahren Ursachen der chronischen Zivilisationskrankheiten – und was man dagegen tun kann Noch nie hat es so viele chronisch Kranke gegeben wie heute: Arthrose, Diabetes, Alzheimer, Rückenleiden, Krebs, Burnout usw. Der Internist, Reha-Experte und Ganzheitsmediziner Dr. med. Bernhard Dickreiter ist überzeugt, dass diese Patienten selbst aktiv etwas dagegen unternehmen können. Sein Standpunkt: Wir müssen alles dafür tun, damit es den Zellen in unserem Organismus gut geht. Jede Zelle ist von einer organtypischen Umgebung eingeschlossen, in die sogenannte extrazelluläre Matrix (EZM). Dort zieht die Zelle ihre Nährstoffe, den Sauerstoff, und hier entsorgt sie ihre Abfallstoffe. Ist die Zellumgebung nicht gesund, werden wir krank. Die Schulmedizin bekämpft meist nur Symptome: Schmerzen – Schmerztablette. Die Ursachen werden oft nicht hinterfragt, bzw. operabel versucht zu beheben: neues Knie, neue Hüfte usw. Dickreiter geht ganzheitlich vor. ...

Rezension - #Erstkontakt von Bruno Duhamel

  Doug, ein ehemaliger Fotograf lebt von der Öffentlichkeit zurückgezogen in den schottischen Highlands. Niemand liked seine Fotos, er ist frustriert, darum hat er seit 17 Monaten nichts veröffentlicht. Doch dann fotografiert er durch Zufall am See vor seiner Haustür ein seltsames Wesen – und teilt den Schnappschuss im sozialen Netzwerk «Twister». Danach geht er duschen, kommt zurück, kann es nicht fassen: «150.237 Personen haben auf ihren Post reagiert; 348.069 mal geteilt». Sofort bereut er seinen Post. Er ahnt, was nun geschehen wird, er hat Büchse die Pandora geöffnet … Ein herrlicher Comic, Graphic Novel, fast ein Cartoon, nimmt mit schwarzem Humor Social Media und Aktivist:innen diverser Gruppen auf die Schippe. Weiter zur Rezension:    #Erstkontakt von Bruno Duhamel

Rezension - Die Entführung von John Grisham

  Mitch McDeere wiederbelebt, den wir aus «Die Firma» kennen – ein Folgeroman. Eher nicht, denn ihn und seine Familie erkennen wir nicht wieder, sie wären austauschbar durch irgendwen. Mitch ist nun Partner in der größten Anwaltskanzlei, Scully & Pershing, in Manhattan, die weltweit ihre Ableger führt. Fünfzehn Jahre ist es her, dass er gemeinsam mit dem FBI die verbrecherische Kanzlei, «die Firma», in der er arbeitete, hat hochgehen lassen. Doch nun holt ihn wieder ein Verbrechen ein: Als ihn sein sterbenskranker Mentor Luca in Rom bittet, einen Fall gegen Arafats Libyen zu übernehmen, gerät er in Tripolis in eine Falle. Der schlechteste Grisham ever. Leider. Langweiliger Spannungsbogen, in diesen Justizthriller oberflächliche Charaktere. Weiter zur Rezension:    Die Entführung von John Grisham

Rezension - Nur noch kurz ein kleiner Furz! von Jonny Leighton und Mike Byrne

Kinder lieben Pupsbücher! Wie ist das eigentlich mit den Tieren? Wie pupsen die? Auf einer urkomischen Reise durch das Reich der Flatulenz beobachten Elefant und Maus die unterschiedlichsten Fürze. Und so lernt die Maus, dass Pupsen die normalste Sache der Welt ist! Witzig gestaltet, den Text in Reimform gebracht, macht dieses Bilderbuch Spaß! Lustiges Bilderbuch ab 3 Jahren, Empfehlung! Weiter zur Rezension:   Nur noch kurz ein kleiner Furz! von Jonny Leighton und Mike Byrne

Rezension - Entführung im Drachenwald von Barbara van den Speulhof und Kurzi Shortriver

Theos bester Freund ist der Drache Kokolo, aber das darf keiner wissen. Denn Drachen gibt es ja gar nicht. Mitten in der Nacht klopft Kokolo an Theos Fensterscheibe: Sie müssen schnell etwas unternehmen denn der fiese Adler Malo hat eins der Babys von Tante Xenna Drachen entführt!  Werden sie noch rechtzeitig kommen? Lesenlernen mit einem Comic, kurze Texte, für Leseanfänger konzipiert. Eine spannende Graphic Novel ab 6 Jahren. Empfehlung! Weiter zur Rezension:    Entführung im Drachenwald von Barbara van den Speulhof und Kurzi Shortriver

Abbruch - Alles Gute von Eva Rossmann

  Alles Gute von Eva Rossmann Abbruch! Wir beide kamen nicht zusammen. Der Anfang konnte mich nicht begeistern, ich fühlte mich eher wie in einem Kochbuch, nicht wie in einem Krimi. Peter Gruber hat Eine App gegen die Spaltung der Gesellschaft geschrieben, «LISA wünscht ALLES GUTE», die Millionen User hat und damit ist er reich geworden, aber er hat den größten Teil in eine Stiftung gesteckt und etwas für seine Nichte bereitgelegt. Weil er sich bedroht fühlt, verabredet er sich mit der Journalistin Mira Valensky. Gruber erscheint nicht, ist plötzlich spurlos verschwunden. Freiwillig untergetaucht – wenn ja warum? Oder was immer auch passiert ist … Ich habe versucht, zu verstehen, was das für eine App ist. Man kann damit Menschen per Strichmännchen «Alles Gute» wünschen? Und damit soll Gruber Millionen verdienen, weil die User dafür bezahlen? Peter Gruber, ein ehemaliger Lehrer, der vor heutigen politischen Tendenzen warnt, die an die 1930er Jahre erinnern, plädiert für mehr Freundl...

Rezension - Der Dinosaurier von nebenan von David Litchfield

  Herr Wilson von nebenan hat ein Geheimnis! Er arbeitet in einer Bäckerei und backt die leckersten Kuchen. Da ist sich Liz sicher. Er hat grüne Haut, nur drei Finger, einen verdächtig langen Hals, klumpige Füße und eine seltsame Vorliebe für grüne Blätter. Ist er vielleicht ein Dinosaurier?! Niemand glaubt Liz. Darum fährt sie zum Museum für Paläontologie, denn die müssen es wissen! Mary sagt zwar, die seien ausgestorben, welch ein Quatsch! Doch was hat sie vor? Feines Bilderbuch zum Thema Toleranz ab 4 Jahren. Weiter zur Rezension:     Der Dinosaurier von nebenan von David Litchfield

Rezension - Synthese von Karoline Georges

  Als ein 16-jähriges Model auf dem Weg nach Kanada ist, passiert zeitgleich in Tschernobyl ein Unglück in einem Atomkraftwerk. Das interessiert sie genauso wenig wie Mode. Eigentlich interessieren sie nur Fiktionen in ihren Büchern und Virtuelles. Sie liebt Bilder, Bilder im Kopf, würde selbst gern ein Bild sein. So wird sie Model, auch weil man so viel Geld verdienen kann, ohne studieren zu müssen. Sie macht in Paris Karriere und wird sehr jung finanziell unabhängig, bezeichnet sich selbst als «ein humanoider Kleiderbügel». Weiter zur Rezension:    Synthese von Karoline Georges

Rezension - Unser Deutschlandmärchen von Dincer Gücyeter

  Eine türkische Familiengeschichte, die mit der Urgroßmutter und der Großmutter einleitend beginnt. Die nächste Generation wandert nach Deutschland aus – das gelobte Land, wo Milch und Honig fließt. Der Traum, den viele «Gastarbeiter» träumten: Arbeiten, viel Geld verdienen, nach Hause zurückkehren und ein Haus bauen. Und dann wurden aus den Gästen Einwohner. In Deutschland die Türken – in der Türkei die Deutschen – entwurzelt, nirgendwo wirklich zu Hause. Eine Familie, die sich bemüht hat, sich zu integrieren. Ein Zwiegespräch zwischen Sohn und Mutter – zwei völlig verschiedene Generationen, aber auch eine Abrechnung mit der deutschen Gesellschaft und eine mit dem Heimatland und dem Machismo, mit der Erniedrigung der Frauen. Ein hervorragender Gesellschaftsroman, ein Bildungsroman über Migration, Rassismus und Misogynie – meine Empfehlung! Weiter zur Rezension:     Unser Deutschlandmärchen von Dincer Gücyeter