Direkt zum Hauptbereich

Miroloi von Karen Köhler - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing



Miroloi 


von Karen Köhler


Sprecher: Karen Köhlerungekürztes Hörbuch, Spieldauer: 11 Std. und 12 Min.


Mittelalter inmitten der Modernen

Eine Insel in unserer Zeit, abgeschottet weit draußen auf dem Meer – den Vornamen der Bewohner nach und dem, was man dort anbaut, klingt es nach der Region Griechenland. Die Religion, eine Sekte, ist eine Mischung aus allen uns bekannten Weltreligionen. Hier lebt man gewollt abgeschottet: Ohne Strom und moderne Errungenschaften, in einem klar definierten Patriarchat, Männer dürfen nicht kochen, nicht singen, Frauen nicht lesen und schreiben. Die Bewohner leben nach der Khorabel, es steht geschrieben was erlaubt ist und was nicht. Der Bethaus-Vater und die Dorfältesten regeln die Organisation und das soziale Leben. Wer gegen die Khorabel verstößt, wird bestraft, an einen Schandpfahl gebunden und mit dem Stock vom sogenannten Angstmann verprügelt bis die Knochen brechen. Die Höchststrafe ist die Steinigung. Es gibt wiederkehrende religiöse Rituale wie die Satva, Pujachatt oder das Miroloi, die Totenklage, auch gibt es ein kleines Kloster in der Nähe auf der anderen Seite der Insel. Hin und wieder legt das Boot des Händlers an. Er bringt »Schätze« von drüben: Nahrung, Gewürze, Gasflaschen, Werkzeug, Ersatzteile. Den ersehnten Keilriemen für die einzige mechanische Nähmaschine im Dorf kann er anscheinend nicht mehr besorgen … und eines Tages bringt er eine Packung Feuerzeuge – was ist das denn! Das will jeder haben, ein Schnipp-Feuer, eins, das man nicht schlagen muss! Was der Händler dalassen darf – was nicht, entscheiden die Ältesten und der Bethaus-Vater. Der Händler nimmt im Gegenzug dafür Olivenöl und Oliven ab. Eine Gesellschaft ohne Geld – eine Gesellschaft, bei der alles geteilt wird, jeder seine Arbeitskraft einbringt. Doch halt – eins wird nicht geteilt: Wissen und Macht – das verbleibt allein den Männern.


Kein Zurück vor dem Nichtwissen. 
Da liegt die Siedelei mit ihrem Glänzedach, einsam und versteckt in einer Mulde. Da wohnen die Betmänner mit ihren Schülern in Stille und All-Einheit. Da stört sie nichts, nicht einmal das Gerausch des Meeres. 

In dieser Gesellschaft wurde dem Bethaus-Vater ein Baby vor die Tür gestellt – vielleicht von drüben. Denn das Körbchen war mit Zeitungspapier von drüben ausstaffiert. Dieses Mädchen wird vom Bethaus-Vater und seiner Haushaltsgehilfin Mariah großgezogen, es bekommt keinen Namen, weil es keine Eltern hat, keinen Geburtstag und obendrauf ist sie behindert, sie humpelt. Im Dorf wird sie Nachgeburt der Hölle, Eselshure oder Schlitzi gerufen – und sie ist an allem Schuld: Wenn ein Baby stirbt, es schlechtes Wetter gibt usw. Die Protagonistin ohne Namen ist zu Beginn des Romans eine Jugendliche, reift während der Geschichte zu einer Frau heran und bekommt später von jemandem heimlich einen eigenen Namen. Der Bethaus-Vater geht liebevoll mit ihr um, bringt ihr heimlich das Lesen und das Schreiben bei. Dieser Mann kennt das Drüben, muss von dort stammen, aber er redet nie von der anderen Gesellschaft. Diese Inselgemeinschaft kennt nur das Patriarchat, Männer verprügeln zu Hause ihr Frauen, was nicht erlaubt ist, der Lehrer vergeht sich an jungen Frauen, gegen die Gesetze – aber es sind eben Männer, die sich alles herausnehmen. Wir kennen solche Gesellschaftsformen, sie sind noch heute existent. Ist eine solche Gesellschaftsform eliminiert von der Außenwelt, kennt sie nichts anderes, so empfinden die Mitglieder das in der Regel als Norm. Und genau das ist der Haken an dieser Geschichte. Warum stellt dieses Mädchen alles in Frage? Und warum bringt ihr der Bethaus-Vater das Lesen und Schreiben bei? Wirklich nur, um ein Kochbuch zu lesen? Mädchen gehen nicht zur Schule, sind ungebildet. Letztendlich lernt auch dieses Mädchen nur Buchstaben, diese hintereinanderzusetzen, zu entziffern, einfache Sätze zu entziffern. Das ist noch lange keine differenzierte Texterfassung. Der Bethaus-Vater erklärt, wenn das Mädchen nicht mehr nicht lesen kann, dann gäbe es kein Zurück vor dem Nichtwissen. Beim Bethaus-Vater zu Hause gibt es letztendlich auch nur die Khorabel zu lesen. Seine Intension bleibt im Verborgenen. Es ist erstaunlich, wie schnell dem Mädchen Texterfassung beim heimlichen Bücherlesen funktioniert, wie schnell sie alles in Frage stellt, sich auflehnt.

Ich zerstoße Pfefferkörner im Mörser, wie wächst der eigentlich?

Die Ich-Erzählerin berichtet – teils in gewollt verschwurbelter poetischen Sprache, die nicht zu der Protagonistin passt. Auf der einen Seite die ungebildete Ich-Erzählerin mit naivem Sprachgebrauch und Gedanken – und auf der anderen Seite spricht eine sehr reflektierte Protagonistin mit inhaltlichem Hall. Sie springt hin und her. Hier passt für mich auf keinen Fall die gewählte Perspektive. Vielleicht lag es am Hörbuch, an der Vortragsweise, an der gewollt einfachen Sprache, Grammatik, die oft Gefühle als eine Abfolge von Verben definiert: Mir ging der Text oft auf die Nerven. Auch die erotischen Worterfindungen waren eher zum Gackern und blieben mir fern. Wenn man so Naivität darstellen möchte – meins war es nicht. Aber genau diese Naivität kippt dann wieder in reflektiertes, intellektuelles Nachdenken. Hier passt eben nichts zusammen. Und warum erfindet die Autorin eine Gesellschaft, die es real an allen Ecken dieser Welt noch gibt? Auch das war für mich ein Rätsel. Ich wartete die ganze Zeit auf irgendetwas Neues und wurde enttäuscht. Kritik am Patriarchat? Hier gibt es eine Menge an realer Literatur!

Doch eher ein Jugendbuch

Für mich ein klassischer Coming-of-Age-Text, der auch textlich in die Jugendbuchabteilung gehört, Allage. Aus dieser Perspektive betrachtet ist das Buch lesbar – Jugendliche schauen über vieles hinweg, lieben das Romantische, das Herzige, die Effekthascherei. Diese Stellen sind emotional breit ausgewälzt. Letztendlich zeigt uns die Autorin nur eine Gesellschaft auf, die existent ist auf Teilen dieser Welt. Hier gibt es so gar nichts Neues, keine neuen Impulse. Warum ist Miroloi auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis gelandet? Keine Ahnung. Inhaltlich gibt es keine Auseinandersetzung zum Thema Gleichstellung, nicht bekannt ist, sprachlich ist es pseudopoetisch ohne Sprachgewalt. Ich fand den Roman gerade so noch mittelmäßig, kann mir aber vorstellen, dass er beim Publikum 13-20 Jahre gut ankommt.

Karen Köhler hat Schauspiel studiert und zwölf Jahre am Theater in ihrem Beruf gearbeitet. Heute lebt sie auf St. Pauli, schreibt Theaterstücke, Drehbücher und Prosa. Ihre Theaterstücke stehen bei zahlreichen Bühnen auf dem Spielplan. 2017 erhielt sie für ihren Roman » Miroloi« ein Grenzgänger-Stipendium der Robert Bosch Stiftung, 2018 das Arbeitsstipendium des Deutschen Literaturfonds.


Karen Köhler 
Miroloi
Roman
Hanser, gebundenes Buch, 2019
Hörbuch – Ungekürzte Ausgabe Audible

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Rezension - Sex in echt von Nadine Beck, Rosa Schilling und Sandra Bayer

  Offene Antworten auf deine Fragen zu Liebe, Lust und Pubertät Ein Aufklärungsbuch, das locker Fragen beantwortet und kurze Erfahrungsberichte von jungen Menschen einstreut, das alles mit knalligen Illustrationen unterlegt. Du bist, wie du bist, und du bist, wie du bist okay. Das Jugendbuch erklärt, stellt Fragen. Die Lust im Kopf, genießen mit allen Sinnen; was verändert sich am Körper in der Pubertät?, die Vagina, die Monatsblutung, der Penis, Solosex, LGBTQIA, verliebt sein, wo beginnt Sex?, Einvernehmlichkeit, wie geht Sex?, Verhütung, Krankheiten, Sextoys – das Buch spart nichts aus. Informieren, anstatt tabuisieren! Locker und sensibel werden alle Themenfelder sachlich vorgestellt. Prima Antwort auf offene Fragen; ab 11 Jahren. Empfehlung! Weiter zur Rezension:   Sex in echt von Nadine Beck, Rosa Schilling und Sandra Bayer

Was ist eigentlich Kriminalliteratur? - Ein Abend mit Else Laudan in der Wyborada

Am 08.11.2019 war ich zu einer Mischung aus Lesung und Definition des Begriffs Kriminalliteratur in St. Gallen in der Wyborada zu Gast, im Literaturhaus & Bibliothek in St. Gallen in der Frauenbibliothek und Fonothek Wyborada. Else Laudan sprach zum Thema Kriminalliteratur, erzählte ihren Weg mit ihrem freien Verlag Ariadne, ein Verlag, der ausschließlich literarische Kriminalliteratur von Frauen veröffentlicht. Weiter zum Artikel:    Was ist eigentlich Kriminalliteratur? - Ein Abend mit Else Laudan in der Wyborada 

Rezension - Lázár von Nelio Biedermann

  «Ein wirklich großer Schriftsteller betritt die Bühne, im Vollbesitz seiner Fähigkeiten.», so wird von ihm geschrieben. Nelio Biedermann schreibt mit 20 Jahren sein erstes Buch und das Manuskript geht in die Versteigerung – die Verlage überbieten sich, es wird in 20 Sprachen verkauft, man redet über ein sechsstelliges Vorschusshonorar – über den neuen Thomas Mann . Uff. Ich war gespannt. Mich konnte der Familienroman nicht überzeugen – leider. Weiter zur Rezension:    Lázár von Nelio Biedermann

Rezension - Balaclava von Campbell Jefferys

  Mara, eine Polizistin aus Berlin ist jeden Tag mit Gewalt konfrontiert. Die meisten ihrer Kollegen sind diszipliniert, korrekt. Aber es gibt auch gewaltbereite Typen mit rechten Sprüchen, die sich feindlich gegenüber Ausländern und Frauen verhalten. Mara stammt allerdings aus Hamburg und so liegt es nahe, dass man sie undercover nach Hamburg sendet, damit sie sich unter die linken Gruppen mischt, herauszufinden, wer bei einer Demo den einen Polizisten ermordet hat. Mara hat das Video gesehen – der Polizist sackt zusammen, neben ihm ein junger Mann, dessen Gesicht mit einer Balaclava verdeckt ist. Mara hat ihn erkannt! Diese Augen gehören ihrem Bruder! Und der würde niemanden umbringen. Ein Thriller mit Potential, allerdings zu aufgeblasen, zu viele handwerkliche Fehler. Weiter zur Rezension:     Balaclava von Campbell Jefferys

Rezension - In ihrem Haus von Yael van den Wouden

  Seit dem Tod ihrer Mutter lebt Isabel allein in dem großen, von der Zeit gezeichneten Familienhaus auf dem Land, ihre beiden Brüder wohnen in der Stadt. Die Tage ziehen ruhig und geordnet dahin. Isabel lebt mit ihren Erinnerungen, ihren Möbeln und Haushaltsgegenständen, mit denen sie redet, die sie ständig durchzählt, in Angst, das Dienstmädchen könnte einen Löffel stehlen. Doch als ihr Bruder Louis seine Freundin Eva bei ihr einquartiert, geraten Isabels stille Routinen ins Wanken, und das Haus, das Stabilität gibt, wird zum Schauplatz unheimlicher Veränderungen, die bis zum Holocaust zurückgehen, zur Sharia . Ein wundervoll subtiler Roman, der zu Recht auf dem Internationalen Booker-Preis stand. Empfehlung! Weiter zur Rezension:   In ihrem Haus von Yael van den Wouden

Rezension - Motte und die Metallfischer von Sanne Rooseboom und Sophie Pluim

  Der Sommer, in dem Motte ein U-Boot fand, fing ziemlich normal an. Langweilig sogar. Doch auf einmal liegt das Schicksal der ganzen Stadt in ihren Händen. Es sind Ferien, aber Mottes Mutter muss arbeiten, einen Urlaub könnten sie sich nicht leisten. Sie ist als Personalcoach unterwegs: Mode, Schminke, Sport, Gesundheit, Ernährung. Und genau das interessiert Motte so gar nicht. Am Kai zeigt ihr Lukas das Metallfischen – ein perfektes Hobby für Motte, die neben schwarzer Kleidung das Unperfekte an Dingen liebt. Sie kauft sich einen Magneten zum Metallangeln. Vielleicht kann man sich etwas verdienen, wenn man Altmetall zur Altmetallhändlerin bringt; sie sammelt ihre ersten Schätze, die die Mutter eklig findet. Plötzlich hängt etwas ganz Großes an der Angel! Spannender Kinderroman ab 9/10 Jahren. Empfehlung! Weiter zur Rezension:   Motte und die Metallfischer von Sanne Rooseboom und Sophie Pluim

Rezension - Cascadia von Julia Phillips

  Gesprochen von Pegah Ferydoni Ungekürztes Hörbuch, Spieldauer 7 Std. und 38 Min. Auf einer Insel vor der Küste des Bundesstaates Washington im äußersten Nordwesten der USA lebt Sam mit ihrer Schwester Elena und der schwerkranken Mutter in ärmlichen Verhältnissen. Sam arbeitet auf der Fähre, die die wohlhabenden Urlauber zu ihren Feriendomizilen bringt, während Elena im Golfclub kellnert. Das meiste Geld geht für die medizinische Versorgung der Mutter drauf. Sie beide träumen von einem besseren Leben, davon, woanders neu anzufangen. Dann, eines Morgens erblickt Sam einen Braunbären direkt vor ihrer Haustür. Zwei Schwestern, die immer zusammengehalten haben, driften völlig auseinander. Die eine bleibt in den Kinderträumen verwachsen, die andere stellt sich der Realität. Weiter zur Rezension:   Cascadia von Julia Phillips 

Rezension - Wo ist Walter? Ab ins Wasser von Martin Handford

  Knobelalarm für clevere Kids Wo ist Walter? Die kultigen Wimmelbuch-Bücher kennt wahrscheinlich jeder. Mit Walter auf hoher See! Ein Mitmachbuch für Kinder ab 8 Jahren mit vielen Rätseln, Suchbildern und Stickern. Klar, auch hier muss man Walter suchen , doch dies hier ist ein kunterbuntes Beschäftigungsbuch für unterwegs, am Strand oder für die Ferien mit Rätseln, Malen, Suchen: Mit Walter gibt es keine Langeweile, und dazu  gibt es mehr als 100 knallbunte Stickern für noch mehr Rätselspaß. Weiter zur Rezension:     Wo ist Walter? Ab ins Wasser von Martin Handford 

Rezension - Chronisch gesund statt chronisch krank von Dr. med. Bernhard Dickreiter

Von der Schulmedizin bis heute ignoriert: Die wahren Ursachen der chronischen Zivilisationskrankheiten – und was man dagegen tun kann Noch nie hat es so viele chronisch Kranke gegeben wie heute: Arthrose, Diabetes, Alzheimer, Rückenleiden, Krebs, Burnout usw. Der Internist, Reha-Experte und Ganzheitsmediziner Dr. med. Bernhard Dickreiter ist überzeugt, dass diese Patienten selbst aktiv etwas dagegen unternehmen können. Sein Standpunkt: Wir müssen alles dafür tun, damit es den Zellen in unserem Organismus gut geht. Jede Zelle ist von einer organtypischen Umgebung eingeschlossen, in die sogenannte extrazelluläre Matrix (EZM). Dort zieht die Zelle ihre Nährstoffe, den Sauerstoff, und hier entsorgt sie ihre Abfallstoffe. Ist die Zellumgebung nicht gesund, werden wir krank. Die Schulmedizin bekämpft meist nur Symptome: Schmerzen – Schmerztablette. Die Ursachen werden oft nicht hinterfragt, bzw. operabel versucht zu beheben: neues Knie, neue Hüfte usw. Dickreiter geht ganzheitlich vor. ...

Rezension - Was ihr wollt von Alwina Calma, William Shakespeare, Sarah Raffelt

  Shakespeare, ein Meister der Dramatik . Neu interpretiert als Graphic-Novel-Adaption des gleichnamigen Theaterstücks , das mit viel Liebe, unerwiderter Liebe und Verwechslungen irgendwo an der Küste von Illyrien einhergeht – eben typisch Shakespeare. Viola sucht nach einem Schiffbruch ihren Zwillingsbruder. Sie lässt sich von Herzog Orsino als Pagen einstellen, schneidet sich aber vorher die Haare ab, nennt sich Cesario, – und verliebt sich in ihn. Der allerdings ist in die Gräfin Olivia verliebt … Shakespeare als Comic auf die Romance sprachlich reduziert, einfache Grafiken. Graphic Novel ab 12/13 Jahren. Weiter zur Rezension :    Was ihr wollt von Alwina Calma, William Shakespeare, Sarah Raffelt